Glanz und Gloria
„Ich erkläre die Olympischen Spiele München 1972 zur Feier der 20. Olympiade der Neuzeit für eröffnet.“ Mit den Worten gab Bundespräsident Gustav Heinemann heute, am 26. August, vor 54 Jahren den Startschuss für ein Weltereignis. Fast 100.000 Zuschauer im Münchner Olympiapark und mehr als eine Milliarde Menschen weltweit vor den Fernsehgeräten sahen zu, wie über 7.000 Athleten aus 121 Nationen in das neu gebaute Stadion einzogen. Die Bundesrepublik präsentierte sich mit einer lichtdurchfluteten Zeltdach-Architektur als offene, friedliche Demokratie – mit „heiteren Spielen“ voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Helmfried Rieker, der Gründer von SRS, erinnert sich: „Die Olympischen Spiele in München, Augsburg und Kiel begannen als fröhliche Spiele. Doch das änderte sich, als der Überfall auf das Quartier der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf die Welt erschütterte.“
Am frühen Morgen stürmt ein palästinensisches Terrorkommando die Unterkunft der israelischen Mannschaft. Ringer-Trainer Mosche Weinberg und der Gewichtheber Josef Romano sterben bereits im Zuge der Gegenwehr. Vier weitere Athleten und fünf Trainer werden als Geiseln festgesetzt. Bei dem späteren, gescheiterten Befreiungsversuch der Polizei sterben alle neun Geiseln, ein Polizist und fünf der Terroristen.
Dieser schmerzhafte Rückblick auf die Zerbrechlichkeit menschlicher Pläne beinhaltet gleichzeitig eine tiefe Erkenntnis: die Vorbereitung Gottes auf unerwartete Ereignisse in der Geschichte. „Die Mitarbeiter des jungen Vereins SRS, des Missionswerks NEUES LEBEN und anderer christlicher Organisationen waren plötzlich ganz anders gefordert als geplant – als Beter, Seelsorger und Begleiter." Worauf bauen wir, wenn das sprichwörtliche Zeltdach über uns Risse bekommt? Was geschieht, wenn die Scheinwerfer erlöschen und das emotionale „Aufräumen“ beginnt? In diese menschliche Ohnmacht hinein sendet die Bibel eine kraftvolle Zusage:
„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber von Gott getröstet werden.“ 2. Korinther 1,3–4a
Der griechische Urtext offenbart, wie diese Worte sogar der harten Realität des Sports nahekommen. Gott begegnet uns nicht als ferner Schöpfer auf der „VIP-Tribüne“, sondern als „Vater der Barmherzigkeit“ – als unversiegbare Quelle von tiefem, liebevollem Mitgefühl. Er sieht unsere Bedrängnis. Im Griechischen steht hier „thlipsis“, was wörtlich übersetzt „Druck“ oder „Zusammenpressen“ bedeutet. Jeder Athlet kennt diesen Zustand: den lähmenden Erwartungsdruck, die Last des Versagens oder den Schmerz, wenn sportliche Pläne wie Weintrauben in einer Presse zerquetscht werden. Wo dieser Druck am höchsten ist, greift Gottes „Trost“ – die sogenannte „paraklesis“. Das ist keine billige Durchhalteparole im Sinne von „Kopf hoch, das wird schon wieder!“. Der Heilige Geist selber trägt den Beinamen Paraklet, der seinen Dienst als Fürsprecher, Helfer, Tröster und Beistand beschreibt. „Jemanden an seine Seite rufen“ bedeutet im biblischen Sinne: Gott stellt sich nicht als Kritiker vor uns, sondern setzt sich als Ermutiger direkt neben den erschöpften Sportler auf die Bank in der Umkleide.
Der Bibelvers formuliert zudem den entscheidenden Wendepunkt der Erfahrung – einen aktivierenden Auftrag: Gott tröstet uns, damit wir trösten. Dieser Weg führt aus der Einbahnstraße in eine übernatürliche Kettenreaktion. Der göttliche Beistand, den wir in unserer eigenen Not erfahren, ist nicht nur für uns selbst bestimmt. Er ist das Werkzeug, mit dem wir ausgerüstet und befähigt werden, um genau diesen Trost an andere weiterzugeben. Der Getröstete wird zum Tröster. Derselbe Auftrag, mit dem Paulus die Gläubigen seinerzeit ermutigte, ein Netz der Nächstenliebe zu knüpfen, gilt heute im Gottesdienst wie auf dem Sportplatz:
„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Galater 6,2
Trösten ist nicht nur eine Aufgabe für Experten. In unseren Gemeinden, Versammlungen, Kreisen und Breitensportvereinen sind wir alle gerufen, genau hinzusehen, ob der Trainingspartner plötzlich still wird und sich zurückzieht. Noch bevor er unter einer Last zusammenbricht, beginnt die Seelsorge im Alltag. Gott beruft uns dazu, einander nicht auszuweichen, sondern in der persönlichen Begegnung ein aktiver Teil im Netz der Nächstenliebe zu werden, das den anderen trägt, wenn die eigenen Kräfte versagen.
Gebet
Herr, wir danken dir für die Momente des Jubels im Sport. Doch umso mehr danken wir dir, dass du unser „Vater der Barmherzigkeit“ bist, wenn das Leben schwer auf uns lastet. Segne den Dienst der Sportseelsorge. Öffne unsere Augen für die Menschen neben uns, die gerade nach innerem Halt suchen. Lass uns nicht an ihnen vorbeigehen, sondern befähige uns, deinen Trost mutig weiterzugeben.
Und wenn ich selbst unter einer Last stehe oder meine Pläne zerbrechen: Nimm mir die falsche Scheu.
Schenke mir den Mut, mich vertrauensvoll einem Menschen zu öffnen, der sich an meine Seite stellt, mit mir vor dich tritt und auf dem Weg der Heilung begleitet.
Schenke mir die Demut, Hilfe anzunehmen, und die Liebe, sie weiterzugeben.
Gott allein die Ehre - Amen.
Alexander Ebert
SRS-Öffentlichkeitsarbeit
Alexander wurde 1972 geboren, kurz vor den Olympischen Sommerspielen in München. Von seinem Standort in Hamburg aus betreut er die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit von SRS. In der Sportwelt faszinieren ihn die explosive Konzentration des Sumo-Ringkampfs und die meditative Ruhe beim Golf auf dem Bildschirm. Sein Leben folgt dem Leitmotiv: „Ich will dich segnen … und du sollst ein Segen sein.“ (1. Mose 12,2)