Wie der Mensch, so das Pferd…
Wie der Mensch, so das Pferd…
… oder doch eher umgekehrt?
Meine erste Stute „funktionierte“ so, wie ich es als Teenager gelernt hatte: Der Mensch bestimmt, was gemacht wird. Wenn sie irgendetwas potenziell Furchterregendes erspäht hatte, konnte ich sagen: „Interessiert uns nicht. Kopf geradeaus, es geht weiter.“ Damit war die Sache erledigt.
Dann kam meine zweite Stute – und funktionierte so nicht. Wenn sie etwas sieht, was sie nicht einordnen kann, bleibt sie stehen und guckt, bis sie es einordnen kann. Hat sie es analysiert oder erkannt und für ungefährlich befunden, kann es weitergehen. Dränge ich sie aber vorher schon zum Weiterlaufen, mit der Begründung: „Da ist nichts Gefährliches, pass mal lieber hier auf!“, dann stehen wir möglicherweise kurz darauf 200 Meter weiter als geplant, und ich kann froh sein, wenn ich noch auf dem Pferd sitze.
Ich habe lange gebraucht, bis ich das akzeptieren konnte. Das kann doch wohl nicht sein, ich bin doch diejenige, die sagt, was wann und wie gemacht wird! Aber damit kam ich nicht weiter. Inzwischen lebe ich damit, dass mein Pferd alles selbst gesehen, verstanden und beurteilt haben muss, damit es in Ruhe weiterlaufen kann – und lebe ganz gut damit. Irgendwann habe ich den Kampf dagegen durch die Einstellung ersetzt: „Komm, wir schaffen das gemeinsam!“ Das hat unsere Beziehung sehr verbessert und die Probleme deutlich reduziert.
Und bin ich nicht genauso? Ich versuche auch alles zu verstehen, zu analysieren und selbst zu beurteilen. Einfach nur machen, weil jemand anderes das sagt, das funktioniert bei mir weder im Reitunterricht noch in vielen anderen Situationen. Ich will wissen, warum, und was passiert, wenn ich etwas so oder auf andere Weise mache. Und ich bin davon überzeugt, dass Gott mir das nicht übelnimmt, sondern mit mir und dieser Eigenschaft arbeitet. Schließlich hat er mich wunderbar gemacht (Psalm 139) und kennt mich und meine Bedürfnisse am besten! Und auch mein Pferd hat er wunderbar gemacht, irgendwie passend zu mir 😉 – wie könnte ich es deshalb meinem Pferd verübeln, wie es ist?
Simone Müller