24.12.2025

Manchmal dauert es etwas länger...

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Manchmal dauert es etwas länger, das Wunderbare zu erkennen

Denn ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich der Herr habe Frieden für euch im Sinn und will euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung. Mein Wort gilt. 

                                                                                                                                            Jeremia 29,11

Ich will euch von einem Pferd erzählen, das nun seit 8 Jahren bei uns wohnt. Geboren wurde es auf einem großen Islandpferdegestüt. Seine Züchter hatten seine Mutter und seinen Vater sehr bewusst zusammengeführt, denn sie wollten ein Nachwuchspferd für die Zucht. Ein schickes mausgraues Hengstfohlen wurde geboren, der Name Kafteinn (Kapitän) war schnell gefunden: Hier sollte eine Führungspersönlichkeit heranwachsen, der neue Deckhengst des Gestüts. 

Das junge Pferd wuchs in der Herde auf und entwickelte sich prächtig. 4½-jährig wurde er in Ausbildung geschickt. Er sollte all das lernen, was man braucht, um eine Hengstleistungsprüfung mit Bravour zu bestehen. Doch der Junghengst funktionierte nicht so wie erwartet; mal rannte er weg, mal erstarrte er zu einem Stein. Nach ein paar Monaten stand der Entschluss fest: Dieses Pferd ist zu schwierig, sein Charakter sollte besser nicht vererbt werden. Und so wurde es kastriert.

Zweiter Versuch: Karriere als Sportpferd. Nach ungefähr einem Jahr wurde auch dieser Plan verworfen, denn Kafteinn zeigte nicht genug Nervenstärke für den Turnierplatz. Und so wanderte er erstmal zurück in die Herde der Jungpferde. Vielleicht kommt ja irgendwann mal der passende Mensch vorbei.

Ein Jahr später war ich auf der Suche nach einem Pferd. Nach vielen Jahren mit unseren Familienzauseln wünschte ich mir wieder ein sensibles Ein-Frau-Pferd. Aber war das auch Gottes Wille für mich? Ich betete viel und bat Gott, mir seinen Plan deutlich zu machen. Und dann begegnete ich dem mausgrauen Isiwallach. Ich nahm mir drei Tage Zeit, um Kafteinn ein bisschen kennenzulernen: Führen, Striegeln, Boden- und Freiarbeit, ständig begleitet von dem Gebet: Herr, bitte zeige mir, ob du dieses Pferd für mich ausgesucht hast. Die Tage waren ganz wunderbar – Kafteinn und ich, wir beide hatten von Anfang an einen ganz besonderen Draht zueinander. Das kann nur Gott bewirken, so dachte ich. 

Zuhause wurde es dann doch herausfordernder als ich gedacht hatte. Kafteinn wollte und will „funktionieren“, er will allen Erwartungen entsprechen. Aber er hat große Sorgen: Kann ich das? Verstehe ich den Menschen richtig? Und was, wenn nicht? Also versteinerte er, oder er lief weg. Es dauerte Monate, bis er in der Begegnung mit Menschen frei atmen konnte. Und, ehrlich gesagt, entspricht er bis heute nicht den Erwartungen, die ich damals beim Kauf an ihn hatte.

Da sind also die Erwartungen, denen er nicht entspricht, da sind aber auch viele Stärken, Eigenschaften und Gaben in ihm, die ich mit der Zeit kennen und schätzen lernen durfte. Vinur, das heißt auf Deutsch Freund, lautet nun seit Jahren sein neuer Name; er ist immer freundlich, er ist über die Maße einfühlsam, er kümmert sich um die Schwachen, schenkt ihnen seine ungeteilte Aufmerksamkeit, seine Ruhe und Frieden. Kinder, psychisch oder körperlich herausgeforderte Menschen – zu ihnen fühlt er sich hingezogen. Er beschenkt dadurch die Menschen über alle Erwartungen hinaus!

Die Erwartungen an ihn waren Leistung und schnelles Funktionieren. Gott hatte von Anfang an anderes mit diesem Pferdchen vor. Er hat ihn wunderbar gemacht. Gott hat wohl auch zugelassen, dass Kafteinn schwierige, unverstandene Zeiten durchlebt hat. Heute kann Vinur dadurch Menschen auf besondere Weise begegnen.

Ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit: Ich war mit zwei Ponys unterwegs durch den Wald, Vinur als Handpferd. Wir begegneten einer Familie, die wir von früher kannten, aber seit 15 Jahren nicht gesehen hatten. Wir unterhielten uns wenige Minuten. Was mir während dieser Zeit auffiel, war der Augenkontakt zwischen Vinur und der 18-jährigen Tochter. Sie sagte die ganze Zeit nichts, auch als ich sie fragte, ob sie sich an mich und unsere Ponys erinnere. Am gleichen Abend erreichte mich eine Mail der Mutter mit der Bitte, wieder mehr in Kontakt zu kommen. Wir waren erstaunt. Wenige Tage später besuchten uns die Eltern. Sie erzählten uns, dass ihre Tochter Autistin sei. Sie entspricht so nicht den Erwartungen, die Schule, Gesellschaft und sie (die Tochter selbst) haben. Die Begegnung mit Vinur hat das Herz des Mädchens berührt, so sehr, dass sie ihre Mutter drängte, uns zu schreiben. Nun sind wir gespannt auf das, was Gott tun wird! Vielleicht durch Vinur?

Gott hat mir durch dieses Pferd einiges deutlich gemacht: ER hat jedes Lebewesen wunderbar gemacht, mit all seinen Stärken und vermeintlichen Schwächen. Ich will versuchen, Gottes Geschöpfe mit seinen Augen zu sehen, nicht mit den menschlichen Erwartungen an Leistung, Schönheit und Funktionalität. Wir sollten all das nehmen, was Gott in uns hineingelegt hat, und damit die Menschen um uns herum beschenken. Jesus wird Großes daraus machen, er wird Menschenherzen berühren.

Elisabeth Wucherpfennig

 

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