Jöken Wucherpfennig hat es einfach getan. Sie hat das, wovon ich – und vielleicht auch einige andere – schon lange träumen, in die Tat umgesetzt und ist eine lange Strecke, eine wirklich lange Strecke, mit ihrem Pferd gewandert. Ich war begeistert, hab mich mit ihr gefreut und konnte nicht anders, als sie – natürlich für uns alle – mit einem Interview zum Erzählen zu bringen.

Cornelia Bagheri: „Jöken, welche Reise hast du mit deinem Pferd gemacht?“

Jöken Wucherpfennig: „Ich bin von Marlborough (ganz ungefähr zwischen London und Bristol) nach Brockum in Niedersachsen gelaufen. Hjötra (meine 6-jährige Isländerstute) hat während der Tour das ganze Gepäck getragen, wir sind also zusammen in ca. 6 Wochen gut 1000 km gelaufen.

CB: „Wie kamst du auf die Idee?“

JW: „Ich wollte schon lange einen langen Wanderritt machen, musste aber erst warten, bis Hjötra alt genug war. Beim ersten Zusammensammeln des Gepäcks, ist mir aufgefallen, wie viel es doch ist, wenn man autonom unterwegs sein will. Daher bin ich dann aufs Laufen ausgewichen, anstatt zu reiten. Es war einfach kein Platz mehr auf dem Sattel und ich dachte, es könnte für Hjötra auch gewichtstechnisch etwas zu schwer werden.

Aber ich habe gleich an das Positive am Laufen gedacht: du bist auf einer Augenhöhe mit dem Pferd und beide haben quasi die gleichen Anforderungen jeden Tag.“

CB: „Wie hast du deine Reise geplant?“

JW: „Zunächst habe ich viele Infos übers Wanderreiten gelesen und mich über Facebookgruppen, Videos, David Wewetzer auf der Equitana schlau gemacht. Das alles hat mich immer sehr inspiriert und Vorfreude auf die Tour gemacht.

Dann habe ich mir Equipment besorgt, ,,zusammen gewünscht“ und selbst, nach vielen Infos, was wohl am besten funktioniert, zusammengebaut und immer wieder auf kleinen Tagestouren getestet und optimiert. Wie zum Beispiel das Zelt, einen zusammenfaltbaren Zaun, Funktions-kleidung, Packtaschen, etc.

Die Unterkünfte musste ich nicht planen, da ich einfach immer spontan etwas gesucht habe. Das wäre auch für die lange Strecke gar nicht anders möglich gewesen.“

CB: „Wie hast du die Route erarbeitet?“

JW: „Zuerst hatte ich viele Ideen, wo es lang gehen könnte. Dann habe ich mich über unterschiedliche Fernwanderwege informiert. Durch das 6-monatige Praktikum auf einem Pferdehof in England (von Oktober 2018-April 2019) bei dem Hjötra auch mit war, lag es nahe einfach von dort aus zurück zu laufen. Bei der konkreten Planung der Route durch England stieß ich auf das Problem, dass ich nur auf sogenannten Bridleways unterwegs sein konnte. Denn erstens sind die Regelungen einfach so und zweitens führen Fußwege sehr häufig durch Wiesen mit Schafherden. Leider kann Hjötra aber nicht über die Zäune klettern.

Daher bin ich erst dem Three Downs Link (Pewsey-New Alresford) gefolgt, danach auf dem Southdownsway (New Alresford-Eastbourne) gelaufen, beides long-distanc-paths in England. Den weiteren Weg habe ich im Vorhinein mithilfe von Onlinekarten an der Küste entlang bis Dover geplant und auf Komoot übertragen. Dover-Calais habe ich auf der Fähre mit einem Transportunternehmen auf einem großen Lkw mit 10 anderen Pferden überquert und wurde außerhalb von Calais wieder ausgesetzt.

Im Anschluss daran hab ich die Planung Komoot machen lassen, ganz einfach über die Funktion der Routenplanung. Es ging kurz durch Frankreich, an der Küste entlang. In Belgien ein bisschen südlicher durch Gent, um so Antwerpen auszuweichen. Danach ziemlich westlich und unterhalb von Venlo nach Deutschland rein.“

CB: „Was waren die herausragendsten Erlebnisse deiner Tour?“

JW: „ zuerst einmal die positiven:

Das waren besondere Unterkünfte: z.B. in Brigthon. Ich wollte an diesem Tag als nächsten weiteren großen Schritt zum Ziel unbedingt zum ersten Mal an den Strand kommen. Als wir am Strand angekommen waren, hat es geregnet. Alles war voll mit Steinen, und wir mussten etwa für 10 km an einer großen Straße ohne Randstreifen entlanglaufen. Meine Navigation war auch ausgefallen, da mein Handyakku leer war und mein tolles Navigationsgerät schon am zweiten Tag kaputt ging. Da war Hjötra ausversehen draufgetreten. Es war schon Abend und ich wollte einfach nur ein Quartier finden. Da ich in Brighton direkt in die Stadt reinlief, wusste ich, dass ich dort keine Chance habe eine Wiese zu finden. Also bin ich mit äußerst schlechter Laune ohne Plan links abgebogen und einfach geradeaus durch die Stadt gelaufen. Nach etwa 15 Minuten sah ich einen Mann auf einem Hof, der mich grüßte. Ich fragte ihn, ob er eine Idee hätte für ein Nachtquartier. Nach kurzer Absprache mit seiner Frau, gingen wir ein kleines Stück weiter die Straße entlang und siehe da, es war das letzte Haus in der dichtbewohnten Gegend. Das Ehepaar hatte eine Wiese direkt hinterm Haus, welche perfekt eingezäunt war und voll mit saftigem Gras. Eigentlich wird sie von den Nachbarschafen abgegrast, aber die waren dieses Jahr noch nicht da. Die perfekte Übernachtung für uns. Sie luden mich zum Burger essen ein und zur Feier des Tages gab es Pommes (sie freuten sich über mich, denn Dave macht nur Pommes, wenn Besuch da ist). Ich durfte duschen und sie halfen mir meine Route fürs weitere zu planen. Abends guckten wir zusammen fernsehen und quatschten lange bis in die Nacht. Morgens gab es warmes Frühstück und eine Thermoskanne mit Tee für den Weg.

Dies war einer der Momente wo sich eine negative Situation innerhalb von Sekunden in eine der positivsten und schönsten Momente meiner Reise verwandelt hat. In diesem Moment ist man nur von Glücksgefühlen durchflutet über sehr einfache Sachen, die sonst relativ normal im Alltag sind. Aber wer freut sich nicht über Burger, wenn man sich sonst nur von Nudeln, Äpfeln, Snickers, Müsliriegeln und ungetoastetem Toast mit Nutella ernährt. Und dies nur durch offenherzige und sehr hilfsbereite Menschen und Gottes richtige Führung zu den passenden Leuten.

Eine weitere krasse Situation: in Deutschland, musste ich kurzzeitig über mein Handy navigieren und hatte anscheinend danach wiedermal meine Jackentasche nicht gut verschlossen. Nach etwa 5 km habe ich festgestellt, dass ich es verloren hatte. Schon zum zweiten Mal auf der Reise. Orten des Gerätes funktionierte auch nicht, da es um den Akku zu schonen ausgeschaltet war. Ich versuchte es zu finden, aber meine Motivation reichte nur aus, um einen der 5 Kilometer zurückzulaufen. So lief ich einfach frustriert und ohne Handy weiter. Am Abend kam ich auf einer Tannenbaumwiese bei einem Baron unter, welchem früher mal das Schloss gegenüber gehört hatte. Da ich den provisorischen Paddock aus Angst, dass Hjötra die kleinen Tannenbäume zertrampelt oder diese frisst, nicht zwischen den Tannen aufstellen konnte, baute ich den Paddock auf dem schon einmal gemähten Stück auf. Dementsprechend war dort eher weniger Gras zu finden. Der Baron musste zum Schützenfest und ich lernte den Untermieter kennen. Einen Künstler, der mich auf ein Bier einlud und mir alle seine Bilder in seinem kleinen Kämmerlein zeigte. Ich, als Person, die nichts von Kunst weiß und sich eigentlich auch nicht sehr dafür interessiert, sollte meine Meinung abgeben. Nach dem ich dem Künstler dann aber von meinem Handyverlust erzählt hatte, bot er mir Schlussendlich an, mit seinem T3 zu der Stelle zurückzufahren und mir nochmals Suchen zu helfen. Nach 2 Stunden Suche, als wir gerade aufgeben wollten, fanden wir es im hohen Gras. Während der ganzen Zeit betete ich, dass Hjötra doch bitte in ihrem Paddock bleiben solle.  Als ich dann endlich zurückkam, war ich froh, dass Hjötra hinter ihrem Minidraht stand. Jedoch wirkte sie nicht gerade entspannt, was an dem wenigen Gras gelegen haben könnte oder dass ich als ihr einziges ,,Herdenmitglied“ während dieser Reise, unnatürlich lange weg gewesen war. Ich wollte nun den Zaun verrücken, damit sie neues Gras hat. In dem Moment ging jedoch im Schloss gegenüber ein riesiges Feuerwerk los, welches Hjötra dann doch nicht mehr hinter ihrem kleinen Zaun hielt und sie rannte auf die Tannenbaumwiese. Ich konnte sie schnell wieder ans Halfter nehmen, jedoch entschied ich, dass dieser Platz auf der Wiese alles andere als sicher für die Nacht war. Daher ging ich im Dunklen um etwa 23 Uhr mit Hjötra an der Leine auf die Suche nach einem geeigneterem Platz auf der großen Wiese. Am anderen Ende wurden wir endlich fündig. und ich freute mich nach einer komplizierten Aufbauaktion um Mitternacht endlich relativ entspannt im Zelt zu liegen.

Negativ herausragende Situationen hatte unsere Reise natürlich auch:

Da war zum Beispiel unsere erste Nacht in Frankreich. Nachdem wir morgens um etwa 5 Uhr die Nordsee überquert hatten, suchten wir abends müde nach einem Quartier. Aufgrund meiner mangelnden Französischkenntnisse habe ich auf Google-Übersetzer zurückgegriffen, was auch gut funktionierte. Jedoch konnte ich nie die 15 minütige Antwort meines Gegenüber verstehen. Irgendwann war ich so frustriert, dass ich einfach zwischen einem Graben und einem Feld stoppte und mir überlegte, Hjötra einfach die ganze Zeit festzuhalten, denn die Stelle war alles andere als gut für Wildcamping gemacht: Eine dicke, viel befahrene Straße etwa 50 Meter entfernt und eine weitere Straße direkt neben uns, zudem noch ein paar Häuser, also von allen Seiten her komplett einsichtbar.

Da sich Hjötra beim Festhalten immer mit ihren Beinen im Strick verknotete, baute ich irgendwann doch den Zaun auf und legte mich mit meinem Schlafsack ins Freie.

Theoretisch würde diese Nacht ein total romantisch, märchenhaftes Bild abgeben, da Hjötra sich in der Nacht unterm Vollmond und Sternenhimmel direkt neben mich zum Schlafen legte. Leider sah die Wirklichkeit komplett anders aus, es herrschten Minusgrade, mein Schlafsack war von außen komplett nass und ich konnte keine Minute schlafen. So kniete ich irgendwann nur noch bibbernd in meinem Schlafsack und hoffte, dass bald die Sonne aufgehen würde. Gegen vier packte ich alles im Dunkeln zusammen und ging weiter, da ich es nicht mehr länger aushielt. Ich hoffte, dass mir durch das gehen wärmer werden würde. Leider dauerte dies noch etwa 4-5 Stunden, bis die Sonne so hoch am Himmel stand, dass sie endlich etwas Wärme spendete.

So hat eine Reise natürlich nicht nur schöne Seiten. Man hat jedoch keine Möglichkeit diesen Dingen auszuweichen und irgendwann nimmt alles sein Ende. Ich habe das Gefühl, ich erlebte auf dieser Reise immer sehr schnelle Situationsänderungen und demnach änderten sich auch meine Gefühle sehr schnell. Eigentlich wie im Alltag, jedoch in viel, viel schnellerer Abfolge.“

CB: „In welcher Situation fühltest du dich besonders behütet?“

JW: „In den Niederlanden mussten wir die Maas überqueren. Meine Route führte eigentlich über eine kleine Fahrradfähre. Als ich dort ankam, wurde mir gesagt, dass ich diese nicht mit Pferd betreten darf, da sie nicht stabilisiert ist. Schon dort kam mir die Idee einfach rüber zu schwimmen. Jedoch fahren an dieser Stelle relativ viele große Containerschiffe und ich wusste nicht wie schnell wir es wohl zum anderen Ufer schaffen würden.  5 Kilometer weiter gab es eine Autofähre und so entschied ich mich dort hinzulaufen. Die nächste Brücke war etwa 30 km entfernt in Venlo. Das war keine Option für mich, da ich mit Hjötra nicht mitten durch die Stadt laufen wollte. An der Autofähre angekommen, erfuhr ich, dass ich auch dort aufgrund der Hufeisen nicht draufdurfte. Nun blieb eigentlich nur noch die Option zu schwimmen. Während ich versuchte am anderen Ufer nach einer Möglichkeit zu sehen, um dort überhaupt aus dem Wasser zu kommen, sprach mich eine Frau an und fragte was ich mache. Ich erzählte ihr alles und schilderte ihr auch mein Problem. Diese Frau war einer der positivsten und fröhlichsten Menschen, welche ich jemals in meinem Leben getroffen habe. Sie lief mit mir zu einem großen und modernen Spring- und Dressurstall und fragte einfach ob mich nicht jemand kurz mit dem Pferdetransporter rüberfahren könnte. Es war nicht so, dass sie dort irgendwen kannte, sie wusste nur, dass es dort auch Pferde gibt. Ich persönlich hätte mich nie getraut auf so einer Anlage nach so einem großen Gefallen zu fragen, aber siehe da, ich konnte Hjötra direkt verladen und so fuhren wir im Transporter auf die Fähre. Als ich nur so nebenbei meine vorherige Idee äußerte rüber zu schwimmen, erzählte mir der Fahrer, dass dort regelmäßig Leute ertrinken, da die Strömung anscheinend relativ stark ist und man die Breite der Maas unterschätzt. In diesem Moment habe ich mich echt von Gott behütet gefühlt, der genau im richtigen Moment diese Frau zu uns geschickt hatte.“

CB: „Was bleibt dir als Erkenntnis in deinem Herz und deinem Kopf?“

JW: „Wie viele gute Menschen es gibt und wie hilfsbereit sie sind, ohne etwas von dir zu erwarten. Ich glaube, dass das, was durch die Medien rüberkommt, ein sehr schlechtes Menschenbild wiedergibt, welches aber nur auf die aller wenigsten Menschen zutrifft. Ich habe auf meiner Reise auf jeden Fall keinen davon angetroffen.

Wenn ich nach Quartieren gefragt habe, hab ich immer das ,,wir“ benutzt und meinte natürlich Hjötra und mich. Sehr oft haben die Leute mich gefragt, wie viele Menschen denn noch kommen und bei ihnen übernachten wollten. Ich glaube manche dachten, hinter der nächsten Ecke stehen noch 5 weitere Reiter mit ihren Pferden. Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, dass mit dem ,,wir“ nicht nur Hjötra und ich, sondern auch Gott gemeint war, denn er hat uns definitiv den ganzen Weg begleitet.“

CB: „Würdest du eine ähnliche Reise mit dem Pferd nochmal machen?“

JW: „Ich würde nicht nochmal laufen, sondern nächstes Mal doch eher mehr reiten, evtl. dann mit zweitem Gepäckpferd.

Ich hab in der Woche, in der meine Mutter mich mit ihrem Pferd begleitet hat, gemerkt, dass es doch schöner ist, wenn Hjötra einen festen Pferdekumpan hat. Und auch für mich war es schön, alle Augenblicke mit einem anderen Menschen teilen zu können. Während der anderen 5 Wochen hab ich zwar permanent mit Hjötra gequatscht, jedoch war das Gespräch (zumindest sprachlich gesehen) eher ein Monolog.

Mein nächster großer Traum ist es zum Schwarzen Meer zu reiten, da ich denke, dass es landschaftlich wunderschön ist und die Menschen in den östlichen Ländern besonders gastfreundlich sind.“  

Jöken Wucherpfennig

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